Glitzervampire und andere Ärgernisse…

… oder: Bis(s) zum Nervenzusammenbruch

Hui, was für eine lange Überschrift. Aber sie beschreibt ganz treffend, worum es in diesem Eintrag gehen soll. Also, nichts wie rein in den Sumpf. Platsch.

Ein Geständnis: Ja, ich habe die ersten drei Bücher der Tetralogie von Stephenie Meyer gelesen. Ich habe auch die Filme gesehen (soweit bereits abgedreht, jedenfalls), und ich bin durchaus kein Fan der ersten Stunde, sondern ein Opfer des Hypes. Derzeit lese ich den vierten Band, Breaking Dawn. Soweit die Fakten.

Die Ausgangssituation sieht folgendermaßen aus: Ich bin eigentlich zu alt für sowas. Die Romane sind deutlich und eindeutig (ein wenig zu eindeutig, für meinen Geschmack) auf  Teenager ausgelegt, ein Stadium, dem ich durchaus seit einigen Jahren entwachsen bin. Weiterhin interessiert sich wirklich niemand in meinem sozialen Umfeld näher für dieses Thema, zumeist lösen die Stichwörter “Twilight”, “Edward und Bella” sowie “Stephenie Meyer” sogar ausdrückliche Ablehnung aus. Anzeichen graduieren von verhalten genervtem Augenrollen bis demonstrativ vorgetäuschten Würganfällen. Und ich kann diese Reaktionen durchaus nachvollziehen. Die Omnipräsenz Robert Pattinsons (der zugegebenermaßen schon ziemlich ZIEMLICH gut aussieht bzw. aussehen kann, aber, dude, Augenringe und fettige Haare? SO NOT SEXY), Kristen “Ich-bin-viel-zu-indie-für-diesen-ganzen-oberflächlichen-Bullshit-deswegen-trage-ich-auch-immer-diese-merkwürdigen-Klamotten-ihr-versteht-mich-nur-einfach-alle-nicht” Stewarts und Taylor (keine fiesen Kommentare hier. Seems like a nice guy to me. Und nein, das sage ich NICHT wegen den Muckis. Steh ich nicht so arg drauf) Lautners in den Medien kann einem ganz schön auf den Keks gehen. Über die Filme werde ich nicht viel sagen, außer dass ich den ersten noch ziemlich gut fand, weil er eine passende, nicht allzu alltägliche Atmosphäre transportierte, weil die übernatürlichen Merkmale der Vampire (Blässe, das Wechseln der Augenfarben… don’t even get me started on the glitter thing) subtil und glaubhaft umgesetzt wurden, weil ich Bellas Charakter mochte. Sie war unabhängig, cool, nicht so wie die anderen durchschnittlichen Highschool Kids. Und selbst ihre Einstellung zu Edward war noch halbwegs nachvollziehbar. Mit dem Wechsel des Regisseurs und der plötzlichen ungeheuren Popularität ging – wie nur allzu oft – das Besondere verloren, die spürbare Liebe zum Detail; die Filme wurden austauschbar. Es war alles zu bunt, zu hollywood-esk. Die Kontaktlinsen und Perücken der Darsteller waren übertrieben und viel zu offensichtlich (Hey, guckt mal alle her, ich hab gelbe Augen! Ups, jetzt sind sie rot! Und das soll niemandem auffallen???). Diese Szene in New Moon, wo Jacob, ganz der strahlende Held für die ewige Jungfrau in Nöten, sich sein Shirt vom Leib reißt, um daraus einen Verband für Bellas Wündchen zu improvisieren: Je vous en prie. Das einzig Unterhaltsame daran war das kollektive Raunen der Kinobesucherinnen.

Was mich zu den Büchern bringt (Das hier könnte ein bisschen länger werden, vielleicht möchtet ihr euch gemütlicher hinsetzen oder euch noch was zu trinken aus der Küche holen?). Selbst wenn ich nicht selber schriebe (Was ich tue. Mehr davon eventuell ein anderes Mal), wären die mannigfaltigen Schwächen der Romane zu offenkundig, um sich ständig darüber zu ärgern, geschweige denn sie zu übersehen. Ich werde einfach mal wahllos irgendwo anfangen:

Stephenie Meyer ist Mormonin. So what, könnte man meinen, soll sie doch, ist ja ihre Privatsache. Leider sind allerdings all ihre Bücher (Korrektur: die dreieinhalb, die ich gelesen habe) stark davon geprägt, und zwar derart, dass Inkohärenzen und Unglaubwürdigkeiten auftreten. Und zwar reihenweise. Es gibt soviele Stellen, Sachverhalte oder Motive, die einem das Mormonische geradezu ins Gesicht schreien. Primär ist hier die penetrante Harmlosigkeit der Cullenschen Vampire zu nennen. Na klar, wir sind ganz liebe Monster, wir fressen keine Menschen, wir wollen niemandem etwas Böses. Und das gelingt uns auch ohne Probleme. Alles ganz easy. Dann natürlich diese unglaubhafte Keuschheit, die sowohl Edward als auch Bella an den Tag legen. Ihre Zurückhaltung mag sogar noch halbwegs überzeugend wirken, bedenkt man, dass Amerikaner in sexuellen Dingen oft recht schamhaft sind und die Autorin, und damit indirekt auch die Protagonistin, einen mormonischen, also streng christlichen Hintergrund hat. Für einen stark physisch geprägten Menschen wie mich nicht ganz nachvollziehbar, aber ok, meinetwegen. Aber Edward? Gefangen im Körper eines ewig pubertierenden Siebzehnjährigen, glühend verliebt, jedoch ohne größere Anstrengungen imstande, einfach mal so auf Sex zu verzichten? Wohl kaum. Aber dann soll der Knabe auch noch ein Vampir sein, eine Kreatur, der per se wild, unbezähmbar und hemmungslos ist. Sorry, aber das nehme ich Ms. Meyer einfach nicht ab. Schließlich kommt es doch dazu (nicht, dass der Akt an sich irgendwie näher beleuchtet wird, wir wollen ja nicht, dass die Leserin – denn, let’s face it, das ist definitiv Mädchenkram – erröten muss oder gar dass besorgte Mamis und Papis ihrem Sprössling das Buch wegnehmen müssen wegen der bösen, unzüchtigen Stellen. Ich echauffiere mich nicht aus enttäuschtem Voyeurismus über die fehlenden Details der lang erwarteten Sex-Szene, bzw. über das Fehlen der Szene an sich, um präzise zu sein, sondern weil ich meine, dass eine solche Szene interessant gewesen wäre, da schließlich nicht alltäglich. Wie machen das wohl Vampir und Nicht-Vampirin miteinander? Klappt alles so wie geplant? Gibt es irgendwelche Konflikte (Gibt es natürlich nicht. Gibt es ja nie. Ist ja immer alles perfekt. Zzzzzz….)? ), aber selbstverständlich muss es vorher eine opulente Hochzeit gegeben haben. No sex before marriage. Wäre ja auch nicht auszudenken.

Soviel zum Sex-Ding. Was mich außerdem nervt, ist, dass hier auf so offensichtliche Art die Phantasien der Autorin zu Papier gebracht werden. Ein schmusiger Glitzervampir, stets selbstbeherrscht und durch und durch bis zum Erbrechen gutartig (Yeah. Right.), wunderschön natürlich noch dazu, kann alles, ist einfühlsam, spielt Klavier, ist superintelligent… Edwards Charakter ist für sich genommen schon unerträglich perfekt. Wir alle wissen doch, dass Menschen (quasi) ohne Fehler im Allgemeinen eher unsympathisch sind, sowohl in der Realität als auch in der Fiktion. Aber nein, Stephenie backt sich ihren Traummann. Und der verliebt sich, natürlich, unsterblich in die unscheinbare, durchschnittliche, mit Unsicherheiten nur so überladene Bella. Und als wäre das noch nicht genug, kommt auch noch Jacob ins Spiel. Der Werwolf, der in vielerlei Hinsicht soviel menschlicher ist als Edward, sein exaktes Gegenstück, verliebt sich, SURPRISE! ebenfalls in die unscheinbare Protagonistin. Welche Frau träumt denn bitte nicht davon, dass  zwei Männer um sie konkurrieren? Es ist alles so bequem für Bella, so leicht, nichts wird ihr jemals schwer gemacht. Ihre Entwicklung ist noch so eine Sache: Zuerst ist sie die starke, einzelgängerische, viel zu früh erwachsene junge Frau, dann kommt Edward und verwandelt sie in eine jammernde, ständig verängstigte und viel zu abhängige Mimose. Ihre stetigen Minderwertigkeitskomplexe regen mich auch ziemlich auf. Sie ist absolut fixiert auf Edward, ihr ganzes Leben ist nach ihm ausgerichtet, wie wir in New Moon gesehen haben, ist sie ohne ihn ein erbärmliches Häufchen Elend, und dann, als er ihr einen Heiratsantrag macht, fällt ihr auf einmal ihre Eigenständigkeit wieder ein? Oh, COME ON! Ihr Sträuben gegen die Hochzeit ist für mich eine der unglaubwürdigsten Punkte überhaupt. Auch, dass sie die Reaktion ihrer Mutter auf die bevorstehende Vermählung so fürchtet, und als sie es Renée schließlich erzählt: Oh, Liebes, das ist ja wunderbar! Mach dir keine Sorgen, ich bin zwar grundsätzlich gegen die Ehe, aber bei dir ist das alles was GANZ Anderes. Solche Stellen machen mich aggressiv.

Ich muss jetzt leider doch noch ein bisschen schreibtheoretisch werden: Geschichten, jedenfalls solche, die den Leser nicht nach zehn Seiten in Grund und Boden langweilen sollen, leben von Konflikten. Ohne Konflikt keine Spannung. Stephenie Meyer versteht es jedoch meisterhaft, Konflikte zu vermeiden, zu umgehen, und das Konfliktpotential, das grundsätzlich in der Geschichte steckt (ein ungleiches Paar, er mit dem Urtrieb, ihr das Blut auszusaugen, sie nichtsdestotrotz unwideruflich zu ihm hingezogen… ), auf äußerst enervierende Weise ungenutzt zu lassen. Das Fundament der Story, obgleich nicht sonderlich innovativ, birgt genug Stoff für Psychodramen allererster Güte, und trotzdem kommen die Bedrohungen (seien sie in Form von James, den Volturi oder Victorias Neugeborenen) immer von außerhalb. Immer verläuft alles nach Schema F: Bella ist die Märchenprinzessin, unschuldig und hilflos bis zum Abwinken (einen solchen Charakter nennen mein Freund und ich gerne Mary Jane, in Anspielung auf die entsprechende Spiderman-Protagonistin), wird von irgendwelchen gemeinen Mächten der Finsternis bedroht, bis der Held auf seinem Schimmel angaloppiert kommt und sie rettet. Und wenn der Held gerade kurzzeitig verhindert ist, gibt es ja auch noch den armen Jacob in Reserve, für alle Fälle sozusagen. Unbefriedigend.

Ich bin jetzt erstmal am Ende mit meiner Nörgelei. Mehr fällt mir gerade nicht ein, und zudem ist es anstrengend. Wahrscheinlich brennt euch auch mittlerweile die folgende, offenkundige Frage unter den Nägeln: Warum lese ich die Twilight-Tetralogie, wenn ich sie so furchtbar schlecht finde?

Die Antwort ist: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es gibt beim Lesen soviele Momente, die mich zur Weißglut bringen, und wann immer ich mich auf eine potenziell vielversprechende Szene freuen kann, werde ich enttäuscht. Außerdem ist die ganze Thematik natürlich medial ziemlich ausgelutscht, was auch nicht gerade dazu beiträgt, dem intelligenten Menschen die Bücher in einem attraktiveren Licht erscheinen zu lassen. Wieso also? Es muss ja irgendwas dran sein, das mich über die etlichen Mängel hinwegsehen lässt. Vielleicht ist es derselbe Grund, aus dem man manchmal gerne grottige MTV-Dating-Shows anschaut: Berieselung, die gefällig scheint, solange man nicht zu tiefgründig darüber nachdenkt. Eventuell gibt es auch eine kleine, verhaltene Göre in uns allen, die auch gerne Bella mit ihrem Glitzervampir wäre und auf diese Art bekommt, wonach sie sich sehnt. Aber diese Möglichkeit ziehe ich nur ungerne in Betracht. Äußerst ungerne. Eigentlich gar nicht.

Wie sieht es aus? Was sind eure, geschätzte Leserschaft, Theorien über die geheime Magnetwirkung der Biss-Bücher? Ist es der Medienhype? Die Versuchung, sich einer nahezu stupiden Tätigkeit ohne jeglichen Nährwert hinzugeben, die aber trotzdem irgendwo ganz hinten rechts ein leicht wohliges Gefühl verursachen könnte? Ein bisschen so wie Schokolade… Oder ist es am Ende doch die Mary-Jane-Göre in uns allen, die uns wider unsere hehre Absicht und unseren Verstand handeln lässt?

Ratlos und in der Hoffnung auf Antworten,

xoxo, Großstadtprinzessin



2 Responses to Glitzervampire und andere Ärgernisse…

  1. Hey! Also, ich habe die Bücher nicht gelesen und nur den ersten Film gesehen. Denn eigentlich gehöre ich auch zu den “Anti”-Leuten, aber als der Film im TV kam, hat er mich dann doch interessiert 😉 Ich fand ihn auch besser als erwartet, kann aber deine Einschätzungen hier gar nicht teilen. Die Blässe der Vampire fand ich übertrieben und eben auch schon sehr auffällig, und besonders genervt war ich von Bella 😉 Ihre “Coolness” fand ich total unglaubwürdig umgesetzt, sie zeigt in meinen Augen überhaupt keine Gefühle (dabei ist sie doch unsterblich verliebt!) und lacht kein einziges Mal (s. vorherige Klammer!). Als eine Bekannte mir mal erzählt hat, Bella habe nur einen einzigen Gesichtsausdruck, hab ich gedacht, sie übertreibt, aber ich habe es beim Ansehen des Filmes genauso empfunden.
    Jetzt interessieren mich die anderen Filme aber umso mehr, wenn deine Kritik im Vergleich zum ersten so schlecht ausfällt 😉
    Lieben Gruß

  2. Hi Verène,

    vielen Dank für deinen Kommentar! Hätte ja nicht gedacht, dass überhaupt irgendjemand diesen doch etwas polemischen Artikel von mir zur Kenntnis nimmt… 😉
    Zu deinen Anmerkungen: Sicherlich muss man solche Urteile immer in Relation zu anderen Filmen eines ähnlichen Genres fällen (zumindest mache ich das immer so), und aus der Sparte “Teenie-Mystery-Gedöns” habe ich durchaus schon einiges gesehen, das wesentlich schlechter gemacht war als der erste Teil. Ich mochte wie gesagt die Stimmung, weil sie mir als solches noch nicht allzu oft untergekommen war, sowie Bellas Charakter (was allerdings von der schauspielerischen Leistung Kristen Stewarts eher unabhängig ist, diese ist nämlich, wie du richtig sagst, nicht so berauschend) und die “Vampirigkeit” der Vampire, da ich fand, dass man diese mit einer guten Portion Verblendung und Selbstbetrug durchaus noch als Menschen, halt mit einer etwas ungesunden Hautfarbe, wahrnehmen konnte. Wenn man sich die folgenden Filme im Vergleich dazu anschaut, finde ich schon den ersten mit Abstand am besten. Das will allerdings nicht viel heißen, denn auch bei “Twilight” ist noch massenhaft Spielraum nach oben. Vielleicht verstehst du ja, was ich meine, wenn du mal “New Moon” oder “Eclipse” anschaust. Und meld dich danach ruhig wieder, würde mich interessieren, wie du das Ganze dann siehst! 😉

    Liebe Grüße zurück,
    Victoria

Schreibe einen Kommentar zu Großstadtprinzessin Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.